Tango Transit in der Filmburg trifft den Nerv der Zeit

„Tango Transit“ in der „Filmburg“ trifft den Nerv der Zeit

Eine visionäre Sprache
Das dritte Jazzcamp in Marktoberdorf kombiniert die Förderung von bayerischem Jazznachwuchs mit dem Auftritt international professioneller Ensembles und gerade das Trio „Tango Transit“ beschwor über den Tango hinaus eine dialogorientierte visionäre Jazzsprache.
Artikel Tango Transit

Die „Filmburg“ bot dabei ein glanzvolles Ambiente für solch leidenschaftlich eruptive Klangwelten. Kern der kongenialen Triokünstler aus Paris/Frankfurt ist der Akkordeonist Martin Wagner, seit Kindesbeinen Autodidakt, der in seinem hochvirtuosen Spiel alles aufblitzen lässt, was er je aufgeschnappt hat, vom großen Tango-libre-Improvisator und Charlie-Mariano-Begleiter Dino Saluzzi über Zigeunertaumel und Zydeco bis zur klassischen Moderne.

Wagners schönes Victoria-Instrument in Rotahorn aus dem italienischen Castelfidardo mit dem schimmernden weicheren Klangbild ist wie eine kleine Orgel mit Registerklängen und Dreichörigkeit. Die individuelle Balgführung ermöglicht eine Ausdrucksfülle des Akkordeons zwischen zartem Hauch und jähem Aufbrausen, die auch moderne Komponisten wie Kagel oder Berio faszinierte. Gleich dem Bandoneon versteht auch Wagner sein Akkordeonspiel in Analogie zum argentinischen Tango: in der aufgeheizten Emotionalität, den abrupten Stimmungsumbrüchen und der rhythmischen Präzision.

Flirrende Klangteppiche

Wagners rhythmusbesessenes Spiel erinnerte an das legendäre Akkordeonseminar 1995 an der Musikakademie mit dem Aventgardemeister Anzellotti oder Jazzer Marocco. Mit „Night in Egypt“ lieferte Martin Wagner exotisch flirrende Klangteppiche, bei „Fat Cat“ sprang er auf, um Druck und Schnelligkeit zu erhöhen. Und bei „Chromosomlunatic“ steigerte er seine Tasten- und Basskaskaden zu mondsüchtigem Irrwitz. Drummer Andras Neubauer unterstrich noch Druck und Schärfe und Hanns Höhn entlockte seinem verstärkten Kontrabass eine überwältigende Klangfülle bis zur schillernden Flamenco-Gitarre. Das Trio hielt stets die Spannung zwischen Tango-Elegie und vulkanischer Explosivität.
Akkordeonist Wagner beherrscht auch Funk oder Folklore. Kernstück seiner Kompositionen aber ist die Tango-Improvisation und damit trifft er absolut den Nerv der Zeit.