Mal lyrisch, mal rasant

Radolfzell | Südkurier 6.2.2010

Mal lyrisch, mal rasant

Artikel Tango Transit
Das groovt: Tango für die Jetztzeit mit Tango Transit. Hier im Bild Martin Wagner (Akkordeon).
Foto: eph
Tango ist eine wehmütige Musik für melancholische Nostalgiker, die an einer unwiederbringlichen Vergangenheit hängen? Nicht so bei der Gruppe „Tango Transit“. Bei ihrem Auftritt in der Radolfzeller Essbar legten die drei Musiker eine souveräne Neuinterpretation des Tango für die Jetztzeit vor. Und nicht nur an dem typischen Tango-Rhythmus samt der dazu gehörenden Melodien, sondern vor allem an den Instrumenten, die im Tango gebraucht werden, lebten Bandleader Martin Wagner am Akkordeon, Hanns Höhn am Kontrabass und Andreas Neubauer am Schlagzeug ihre Kreativität aus. Herausgekommen ist dabei das Update einer eigentlich nostalgischen Musik, das von Melancholie und Nostalgie höchstens noch Spuren enthält, sozusagen Tango 2.0.

Da wird der Tango kräftig funky unterlegt oder im Walzertakt angedreht oder er verschwindet völlig, so dass die drei Musiker zeigen können, was sonst noch alles in einem Trio steckt, das ohne Klavier, dafür aber mit Akkordeon auskommt. Ein Knaller war beispielsweise die Nummer „Fat Cat“, die von dem New Orleans Jazz-Urgestein Professor Longhair inspiriert wurde. Hier transponierten die drei Musiker dessen typischen kleinteiligen Groove in die Sprache ihrer Instrumente. Und bei all der dauerhaften Rasanz verlor keiner der drei den Überblick.

Doch neben der fetten Power, die Tango Transit auf die Bühne bringen, hat in ihrer Musik auch das melancholische und lyrische Element seinen Platz, das vor allem aus den Passagen spricht, die so klingen, wie man sich Tango vorstellt, sie erzeugen wirklich das berühmte Tango-Feeling.
Dass Instrumentalisten, die das können wollen, mit allen Wassern gewaschen sein müssen, versteht sich eigentlich fast von selbst. Höhn agierte am Kontrabass immer mit angenehmer, unaufdringlicher Präsenz und konnte in seinen Soli die Schmährede vom schmalbrüstigen Bass, der mit den anderen Instrumenten nicht konkurrieren kann, eindrucksvoll entkräften. Schlagzeuger Neubauer spielte verlässlich vorwärtstreibende Beats und entwickelte seine Soli zwar sehr virtuos, aber nie mit Gewalt oder Druck. Bandleader Wagner schließlich erweiterte die Möglichkeiten seines Instruments konsequent, indem er immer wieder die melodische Struktur auflöste, um allein mit Klangflächen und Rhythmus zu arbeiten. Mit diesem Tango-Update bestritten Tango Transit einen zu Recht begeistert aufgenommenen Abend.
STEPHAN FREISSMANN